biographie

Roswitha Haftmann Preisträger 2026: Wolfgang Tillmans

Laudatio: Bernhart Schwenk, 17. September 2026

Lieber Wolfgang Tillmans,
liebe Ann Demeester,
liebe Kolleginnen und Kollegen im Stiftungsrat der Roswitha Haftmann Stiftung,
sehr geehrtes Publikum an diesem Abend,

darf ich Sie etwas fragen? „Wie wahrscheinlich ist es, dass nur ich recht habe in dieser Sache?“ Wolfgang Tillmans selbst hat diese Frage gestellt, sie taucht auf mehreren seiner Arbeiten auf, und ich finde sie passend und geeignet, um in sein künstlerisches Gesamtschaffen einzuführen, das wir heute würdigen - und das mehr umfasst als seine unverwechselbaren fotografischen Arbeiten, seine Fotokopie-Arbeiten, seine Filme, seine Installationen, Musikprojekte, Bücher, Plakatkampagnen usw., die in den vergangenen, mittlerweile vier Jahrzehnten entstanden sind.

„Wie wahrscheinlich ist es, dass nur ich recht habe in dieser Sache?“ Diese Frage ist für Wolfgang Tillmans vor allem deshalb beispielhaft, weil sein Werk mit Reflexion verbunden ist, auch Selbstreflexion - und mit einer außergewöhnlich offenen Haltung zur Kunst, zur Gesellschaft, zu unserer Vergangenheit und unserer Zukunft. Dieses Interesse an der Welt und ein hohes Einfühlungsvermögen sind in jeder einzelnen Arbeit von Wolfgang Tillmans spürbar. Nie formulieren seine Arbeiten wissende Antworten, immer stellen sie inspirierende Fragen - an den Künstler selbst, aber auch an uns alle. Die eingangs zitierte Frage hat Wolfgang Tillmans auf unterschiedliche Bildgründe gesetzt, hier auf ein etwa A4 großes Blatt, auf dem zwei Bücher von oben zu sehen sind, die ihre Seiten - und damit auch ihre Inhalte, ihre Meinungen - ineinanderstecken, als wollten sie das jeweilige Gegenüber von der eigenen Sichtweise überzeugen. Ein Bild, das zeigt, dass „recht haben“ eine komplexe Sache ist und einer übergeordneten Bewertung bedarf.
Dieselbe Frage taucht auch auf Englisch auf, etwa auf einem mehrfarbigen Papier, das über zwei Meter hoch ist und sich heute in der Fotosammlung des Museum of Modern Art in New York befindet: „How likely is it that only I am right in this matter?“
Die Frage scheint Wolfgang Tillmans also wichtig zu sein. Vermutlich, weil sie anregt, das weite Feld zwischen Subjektivem und Objektivem, Meinung und Faktum, fiktivem und tatsächlichen Raum auszuleuchten - und die Offenheit dieser Frage scheint sich in der vieldeutigen farbigen Rahmung widerzuspiegeln.

Für Tillmans bedeutet die Beschäftigung mit Bildern (und auch mit Text) ein Potenzial, besser zu verstehen, was unsere Augen mit unserem Denken machen - und seine Bilder regen dazu an, genau hinzusehen, um möglichst viele Aspekte einer Situation zu erkennen. Bilder können uns helfen, so sagt Wolfgang Tillmans, die Dinge aus verschiedenen Richtungen zu betrachten - um bei der ersten Bewertung nicht ganz so schnell sicher zu sein, dass man damit richtig liegt. Denn das „Rechthaben“ gründet meistens auf einer einzigen Sichtweise. Und wir neigen dazu, unsere Perspektive, die wir für die einzig richtige halten, zu verhärten und dies umso stärker, je mehr Gegenargumente wir hören. Die Psychologie nennt das den „Backfire-„ oder „Boomerang“-Effekt“, ein Verhalten, das selten zu konstruktivem Fortschritt führt.
Das Werk von Wolfgang Tillmans, Sie merken es, hat viel mit bewusstem Sehen zu tun, mit unvoreingenommenem Denken, mit einem Erkennen, das offen für neue Erkenntnisse bleibt. Und für diese Haltung hat Tillmans das fotografische Medium gewählt, weil es das variabelste, flexibelste und vielfältigste Medium ist - und man heute noch nicht einmal mehr eine Kamera dazu braucht. Dazu später mehr.

So war das auch vor genau 200 Jahren, 1826, also bevor die Fotografie „offiziell“ von Louis Daguerre erfunden wurde, als Joseph Nicéphore Niépce - wie Daguerre Franzose - eine kleine Zinnplatte, die er mit in Lavendelöl gelöstem Naturasphalt bestrichen hatte, durch das Loch eines dunklen Kastens belichtete - und so den Blick aus dem Fenster seines Arbeitszimmers festhielt.
Man darf sich Wolfgang Tillmans als einen ähnlichen Experimentator wie Niépce vorstellen. Denn wie ihm geht es auch Tillmans in seiner Arbeit von Anfang an darum, „Licht in Farbstoffe umzuwandeln auf Papier“ - ein „endlos wundersamer Prozess“, wie er es selbst formuliert hat. Das Fotografieren an sich ist es demnach nicht ausschließlich, das Wolfgang Tillmans reizt, Kunst zu machen, sondern vor allem die Möglichkeiten des fotografischen Mediums, die Komplexität und Vieldeutigkeit der Welt in Bilder zu übersetzen, die damit verbundenen Ideen, aber auch die Gefühle - also das Rationale und das Menschliche, das Klare und das Geheimnisvolle zugleich.

Angefangen hat das vor etwa 40 Jahren - da war Wolfgang Tillmans 18/19, als er in einem Copyshop in seiner deutschen Heimatstadt, im nordrhein-westfälischen Remscheid einen damals neuartigen digitalen Schwarz-Weiß-Laserkopierer entdeckte, der Vorlagen in digitale Signale umwandelte, die sich bis zu 400% vergrößern und somit beliebig rastern ließen. Damit bearbeitete Tillmans eigene und gefundene Medienbilder, spielte mit Pigmentpartikeln, Rasterpunkten, Kontrasten, Streifeneffekten und Papierstrukturen und konnte auf diese Weise eigenartig verfremdete Bildwirkungen erzeugen. Die Arbeit mit dem Kopierer gilt als Schlüsselmoment für Wolfgang Tillmans' künstlerisches Schaffen, noch bevor er begann, professionell mit der Kamera zu arbeiten.

1990 ging Wolfgang Tillmans nach England, zunächst nach Bournemouth, um am dortigen Bournemouth & Poole College of Art and Design Kunst zu studieren, bevor er 1992 nach London zog. In London begann er, Menschen seiner unmittelbaren Umgebung zu fotografieren, Menschen aus der Techno-, Rave- und Clubszene und der LGBTQ+-Community. Seine Fotos erschienen in Musik- und Lifestyle-Magazinen, so dass Wolfgang Tillmans rasch als Dokumentarist aktueller gesellschaftlicher Strömungen bekannt wurde. Aber zu ahnen war noch nicht, wie stilbildend und ikonisch diese Ästhetik einmal werden würde und Tillmans zu den international wegweisenden Künstlern seiner Generation werden ließ. Das lag auch daran, das der Kunstwert von Fotografie Anfang der 1990er Jahre noch nicht so anerkannt war wie heute und man die Fotografie eher als Auftragsmedium begriff. Für Tillmans' künstlerischen Praxis aber blieb die subjektive Herangehensweise typisch, ein Lebensgefühl einzufangen, das eigene wie das einer bestimmten Generation, das auch ein politisches Bildbewusstsein spiegelt, auf Offenheit und Solidarität mit dem Anders-Sein gründet. Wir sehen hier das damals 22-jährige Model Kate Moss in einem transparenten Oberteil von Alexander McQueen.

Neben den Porträts entstanden und entstehen bis heute auch Stillleben, Landschaftsbilder oder Himmelsaufnahmen und abstrakte Arbeiten, wobei es Wolfgang Tillmans nie um die Genres also solche geht. Vielmehr existiert in Tillmans' Werk alles Gesehene nebeneinander. Damit löst er traditionelle Sujet-Hierarchien auf, wie sie auch die Kunstgeschichte lange festgeschrieben hat, und nimmt dem konventionellen Blick auf die Welt das Schubladendenken, das Elitäre wie alles Ver- oder Erklärende.

Früh zeigte sich das auch in Wolfgang Tillmans' Ausstellungspraxis: 1993 hatte er seine erste Einzelausstellung in der Kölner Galerie Buchholz & Buchholz, die man als einen Meilenstein seines Schaffens bezeichnen darf, aber auch in der zeitgenössischen Fotografie. Denn hier konnte man erstmals die damals noch ungewöhnliche, nicht-hierarchische Installationsweise erleben, die später zu seinem Markenzeichen wurde. Wolfgang Tillmans kombinierte herkömmliche Fotoabzüge, Fotokopien und originale Magazinseiten gleichrangig miteinander, indem er sie frei und ungerahmt mit Klebeband und Nägelchen direkt auf der Wand befestigte. Das war absolut neu: Eine gedruckte Zeitschriftengrafik besaß für Tillmans denselben künstlerischen Wert wie ein Laborabzug. Die Installation in ihrer originalen Zusammenstellung befindet sich heute im Museum Brandhorst in München.

1994 ging Wolfgang Tillmans nach New York, tauchte in die Kunst-, Musik- und Gay Scene ein, besuchte Museen und fand mit Andrea Rosen eine erste Galeristin in den USA, bei der er mehrere Ausstellungen hatte. In New York lernte er auch den Münchner Maler Jochen Klein kennen, der sein Lebens- und Arbeitspartner wurde. Gemeinsam wohnten sie in Manhattan in der 14th Street, die Tillmans auch in einem halbstündigen Video dokumentierte und so das Medium Film zu einem Teil seines künstlerischen Schaffens werden ließ. Auf einem der in New York entstandenen Bilder ist die Begegnung zwischen Jochen Klein und einem wilden, aber zutraulichen Hirsch auf der Halbinsel Fire Island zu sehen - eine von Tillmans' berührendsten Arbeiten, denn sie fängt einen intimen, geradezu magischen Moment zwischen Mensch und Tier ein. Das berühmte Bild befindet sich heute im MoMA, New York, im Guggenheim Museum und in der Pinakothek der Moderne in München. 1996 kehrten Tillmans und Klein nach London zurück. Im Jahr darauf starb Jochen Klein an den Folgen von AIDS, er wurde nur 30 Jahre alt.

Ende der 1990er Jahre markieren abstrakte Bilder, die sich dem Zusammenspiel mineralisch-chemischer Vorgänge verdanken, eine neue Phase im Werk von Wolfgang Tillmans. Diese Bilder entstehen komplett ohne Kamera. Als Vorläufer sind die „Silver“-Arbeiten anzusehen, die schon einige Jahre vorher entstanden waren, als Wolfgang Tillmans seine erste eigene Filmentwicklungsmaschine gekauft und mit labortechnischen Prozessen zu experimentieren begonnen hatte. Für diese abstrakten Bilder schickt Tillmans Fotopapier, das unbelichtet oder nachdem es unterschiedlichen farbigen Lichtquellen ausgesetzt wurde, durch die nicht gereinigte Entwicklungsmaschine, in der sich neben Wasser noch Spuren von verbrauchten Chemikalien, vor allem Silbernitrat, befinden. Beim Entwicklungsvorgang reagieren die Silbersalze unvorhersehbar mit dem Papier und lassen beim Durchlauf zarte Farbschlieren und metallisch glänzende Effekte entstehen, aber auch Kratzer, Druckstellen und Ablagerungen, die nicht nur die Farbigkeit verändern, sondern auch die physische Oberfläche des Fotopapiers. Mit neuen, poetisch wirkenden Bildstrukturen erfindet sich die Fotografie als bildgebendes Medium völlig neu - schwimmt sich gewissermaßen aus ihrer bisherigen Geschichte frei. Vielleicht heißt auch deshalb seine berühmteste abstrakte Werkgruppe „Freischwimmer“, die Tillmans, anders als die „Silver“, in einem trockenen Prozess in der Dunkelkammer erzeugt.

Im Jahr 2000 erhielt Wolfgang Tillmans als erster Fotograf und Künstler, der außerhalb Großbritanniens geboren war, den renommierten Turner Prize. Seither wurde sein Werk vielfach ausgezeichnet und vor allem in den vergangenen fünf Jahren umfassend ausgestellt.
2022 zeigte er im MUMOK Wien die Ausstellung „Schall ist flüssig“. Im selben Jahr wurde seine Ausstellung „To look without fear“ im Museum of Modern Art in New York gezeigt, die 2023 weiter wanderte an die Art Gallery of Ontario, Toronto, und ans San Francisco Museum of Modern Art. 2025 präsentierte er im Albertinum in Dresden die Ausstellung „Weltraum“ und ebenfalls 2025 eröffnete seine in meinen Augen schönste Ausstellung in Paris, in der bis heute wohl visionärsten Museumsarchitektur Europas: dem Centre Pompidou. Entworfen von den Architekten Renzo Piano und Richard Rogers wurde das Kulturzentrum 1977 im Hallenviertel mitten in Paris eröffnet. Fast 50 Jahre später, 2025 musste es für eine Grundsanierung des gesamten Hauses geschlossen werden, die 2030 abgeschlossen sein soll. Aber unmittelbar vor der Sanierung lud man Wolfgang Tillmans ein, in den Räumen der Bibliothek des Centre BPI, der Bibliothèque publique d'information, eine Ausstellung zu realisieren. Wolfgang Tillmans beließ die originale Ausstattung in vielen Teilen, u. a. die alten Teppichböden, die Hinweisschilder, das Mobiliar mit den Monitoren für die Recherche - und ließ seine Arbeiten mit dieser eindrucksvollen Umgebung in Dialog treten.

In all seinen Ausstellungen, besonders aber in der Ausstellung für das Centre Pompidou, wird sichtbar, wie Wolfgang Tillmans seine Anfang der 1990er Jahre entwickelten Installationsvorstellungen kontinuierlich erweitert hat, seine Bilder in vielfältigste Konstellationen und Kontexte zu bringen imstande ist und so souverän mit unseren visuellen Konventionen und insbesondere den Ausdrucksmöglichkeiten des Fotografischen spielt.
Neben den Wandinstallationen arrangierte er auf langen Tischen Buchseiten und Zeitschriftenartikel, Postkarten, Verpackungen und weiteres gesammeltes Material - sein sogenanntes „Truth Study Center“, das der Künstler 2005 ins Leben rief, um unserem vergeblichen Verlangen nach einer allgemeingültigen Wahrheit ironisch Ausdruck zu verleihen.

Insbesondere in Tillmans' Ausstellungen wird deutlich, dass ihn auch die Materialität seiner Bilder interessiert, das Papier, das für ihn mehr ist als ein Bildträger. Papier ist gleichsam der Protagonist seiner „paper drop-“ (ab 2001) und „Lighter“-Werkgruppen (ab 2006). Bei den „paper drop“-Arbeiten werden Papierbögen zu skulpturalen Objekten gerollt und mit geringer Schärfentiefe fotografiert, bei den „Lighter“-Arbeiten wird gefaltetes oder geknicktes Fotopapier zu Reliefs, deren entstehende „Körper“ dennoch „leichter“ wirken. Von Anfang an gehörte der architektonische Raum zu den Bildern von Wolfgang Tillmans dazu, mit den „Lighter“-Reliefs, vor allem aber mit seinen Ausstellungsgestaltungen hat er die Fotografie selbst zum Raum gemacht. Dieser freie und variable Umgang mit Fotografie, das soll hier noch einmal betont werden, hat Tillmans zu einem Pionier der Kunst- wie Fotografiegeschichte gemacht und übt bis heute großen Einfluss auf nachfolgende Künstler:innengenerationen aus.

Ein einflussreicher Künstler ist Wolfgang Tillmans auch, weil seine Kunst, ich sagte es einfangs, authentisch und selbstverständlich mit gesellschaftlicher Verantwortung verbunden ist. 2006 eröffnete er im Haus seines Londoner Ateliers den Ausstellungsraum „Between Bridges“. In diesem Off Space zeigte er vor allem aus seiner Sicht zu wenig beachtete künstlerische Positionen. 2014 zog der Raum nach Berlin, seit 2017 ist „Between Bridges“ auch eine von Wolfgang Tillmans gegründete Stiftung. Sie fördert Kunst, setzt sich gleichzeitig ein für Humanität, Solidarität und die Stärkung von Demokratie, unterstützt LGBTQ+-Rechte und anti-rassistische Arbeit. Wolfgang Tillmans, das belegt „Between Bridges“, versteht Kultur als einen unverzichtbaren Raum für Dialog, Empathie und gemeinsame Werte.

Seine 2016 aus eigener Initiative gestartete Anti-Brexit-Kampagne für ein offenes und demokratisches Europa, die als Plakatkampagne und T-Shirt-Aktion für die Europawahlen fortgeführt wurde, spiegelt eine unaufgeregte, aber entschlossene Form von Zivilcourage wider: Freiheiten verteidigen, Gleichgültigkeit bekämpfen und zur Teilhabe am demokratischen Leben ermutigen.
Gerade heute ist der richtige Zeitpunkt, deutlich zu machen, dass Kunst das wahrscheinlich wirkungsvollste Instrument für eine gesellschaftliche Auseinandersetzung ist. Und dieses Instrument sollten wir überall und immer weiter nutzen und einsetzen.

„Wie wahrscheinlich ist es, dass nur ich recht habe in dieser Sache?“ habe ich Wolfgang Tillmans eingangs fragen lassen und gebe heute diese Antwort: Sehr wahrscheinlich ist es, dass die Roswitha Haftmann-Stiftung recht hat, Wolfgang Tillmans für sein Lebenswerk - das noch lange nicht Ende ist - zu würdigen und ihn heute mit dem Roswitha Haftmann-Preis 2026 auszuzeichnen.